
Donnerstag morgen, 10. September, schauen wir uns erst einmal Saint-Quay-Portrieux etwas genauer an. Was wir sehen, gefällt uns: ein bisschen verschlafen vielleicht,

aber ein hübscher Ort mit schönen Häusern und einer grossen Bucht, in der bei Ebbe zahlreiche Boote trockengefallen sind.


Nach dem Einkauf
Typisch Bretagne eben!
Wir spazieren durchs Dorf und kümmern uns natürlich auch um die wirklich wichtigen Dinge des Lebens: das Abendessen.
Wir kaufen leckere Crevetten, Austern, Bulots und zwei schöne Filets vom St. Petersfisch. Die restlichen, etwas weniger aufregenden Einkäufe erledigen wir beim Carrefour.
Gegen Mittag legen wir ab und machen uns auf den Weg nach Paimpol.

Unterwegs geniessen wir bereits die Austern, Crevetten und Bulots. Man soll schliesslich nicht hungrig navigieren!

Je näher wir der Bucht von Paimpol kommen, desto grösser wird allerdings die Spannung.
Denn jetzt fahren wir – zumindest laut Seekarte – über trockenes Land!
Ich versuche das einmal möglichst einfach zu erklären.
Wir nähern uns dem Hochwasser, und der Tidenhub beträgt heute rund 9,60 Meter. Natürlich haben wir Wasser unter dem Kiel. Sogar deutlich mehr als eine Handbreit!
Auf unseren Seekarten sind Flächen, die bei Ebbe trockenfallen können, grün eingezeichnet.

Die unterstrichenen Zahlen darin geben die sogenannte Trockenfallhöhe an. Steht dort zum Beispiel 4,30 Meter, liegt diese Stelle 4,30 Meter über dem Kartennull. Das Wasser muss also entsprechend hoch steigen, bevor dort genügend Wasser steht. Und wir fahren tatsächlich über Stellen, auf denen 6,30 Meter eingetragen sind! Trotzdem zeigt unser Echolot immer noch mehr als drei Meter Wasser unter dem Kiel.
Ein seltsames Gefühl bleibt es trotzdem.
Und bevor mich jetzt die erfahrenen Gezeitenfüchse unter euch korrigieren, noch ein kleiner Ausflug in die Theorie:
Das Kartennull entspricht hier dem LAT – Lowest Astronomical Tide. Vereinfacht gesagt ist das ein sehr niedriger, astronomisch berechneter Referenzwasserstand, der durch die Gezeitenkräfte von Mond und Sonne zustande kommt. In der Realität können Wetter, Luftdruck und Wind den tatsächlichen Wasserstand zusätzlich beeinflussen.
So. Genug Theorie!
Das ungute Gefühl, mit einem Segelboot über eine Fläche zu fahren, die auf der Karte grün und damit eigentlich trocken aussieht, verschwindet dadurch nämlich auch nicht.

Da wir pünktlich kurz vor Hochwasser eintreffen, können wir direkt durch die offene Schleuse fahren und in Paimpol einparkieren.

Eigentlich steht heute Abend unser feiner St. Petersfisch auf dem Speiseplan. Aber nach Austern, Crevetten und Bulots hält sich unser Hunger erstaunlicherweise in Grenzen.
Also gibt es etwas Käse, kaltes Fleisch und ein Glas Rotwein.
Passt auch.
Am Freitag gehen wir in Paimpol auf Entdeckungstour.
Und Paimpol gefällt uns ausgesprochen gut! Viele wunderschöne alte Häuser, kleine Gassen und ganz, ganz viel Charme. Wirklich ein hübsches Städtchen.


Allerdings stellen wir schnell fest, dass wir mit dieser Meinung nicht ganz alleine sind. Im Hochsommer, wenn sich hier die Touristen durch die Gassen schieben, dürfte es vermutlich etwas weniger gemütlich sein.
Ohne kleinen Halt geht es dann doch auch nicht!


Jetzt aber können wir Paimpol richtig geniessen.
Und am Abend kommt endlich unser St. Petersfisch zum Einsatz: auf einem Lauchbeet zubereitet.
Sehr, sehr fein!
Samstagmorgen sitzen wir bereits im ersten Bus nach L’Arcouest. Dort steigen wir auf die Fähre und fahren hinüber zur Île de Bréhat.
Wir umrunden die Insel zu Fuss. Bréhat hat fast einen mediterranen Touch und zeigt sich heute bei herrlichem Wetter von ihrer schönsten Seite. Eine wunderbare Wanderung mit einer imposanten Küste und immer wieder fantastischen Ausblicken.






Zurück in der Nähe der Fährstation bleiben wir bei zwei bretonischen Boule-Spielern hängen.

Die beiden spielen auf einem beeindruckenden Niveau!
Natürlich wäre die Bretagne nicht die Bretagne, wenn man hier einfach normales Boule spielen würde.
Die bretonische Variante wird mit deutlich grösseren Holzkugeln gespielt, die etwa 600 bis 1’000 Gramm wiegen. Gespielt wird auf einer festen, länglichen Bahn mit seitlichen Holzbanden – und diese dürfen sogar ins Spiel einbezogen werden.
Wir schauen den beiden eine ganze Weile fasziniert zu. Das sieht einfach aus.
Ist es sicher nicht.
Um 17.00 Uhr fährt unsere Fähre zurück, und gegen 18.00 Uhr sind wir wieder auf der Cachana.
Heute Abend sind wir zu faul zum Kochen. Auch das kommt vor!
Also lassen wir uns im Restaurant verwöhnen. Wir teilen uns zuerst einen sehr leckeren Pulposalat. Danach bekommt Susanne Doradenfilet auf den berühmten weissen Bohnen aus Paimpol, während Chérif eine Bouillabaisse mit Sardinen bestellt.
Beide Hauptgerichte sind ausgezeichnet. Aber auch ausgesprochen gross.
Wir kapitulieren!
Zurück auf der Cachana gibt es deshalb noch einen Digestif. Rein medizinisch natürlich. Zwecks Verdauung.
Am Sonntagmorgen entscheiden wir spontan, noch einen Tag zu bleiben.
Irgendwie waren die vergangenen Tage so voll, dass wir schlicht keine Zeit gefunden haben, uns ernsthaft mit unserer Weiterreise zu beschäftigen.
Und hier in der Bretagne geht nichts ohne vernünftige Planung. Gezeiten, Strömungen, Schwellen, Schleusen, Wind – einfach losfahren und irgendwann schauen, wo man landet, ist hier nicht unbedingt die beste Strategie.
Also beschäftigen wir uns heute mit der weiteren Route und den verschiedenen Möglichkeiten, schreiben am Blog und erledigen etwas Büroarbeit.
Natürlich darf auch ein Spaziergang durchs Städtchen nicht fehlen.




Ein gemütlicher Sonntag also.
Am Montagmorgen machen wir die Cachana wieder startklar und laufen aus.


Leider gibt es heute zu wenig Wind zum Segeln. Dafür scheint – einmal mehr – die Sonne. Man kann schliesslich nicht alles haben.
Unter Motor fahren wir um die Île de Bréhat herum in Richtung Port Blanc.

Dort angekommen schnappen wir uns eine der vier Gästebojen, die in ausreichender Wassertiefe liegen.
Port Blanc ist übrigens, anders als der Name vermuten lässt, kein richtiger Hafen. Es ist vielmehr eine geschützte Bucht mit einem Bojenfeld und Ankermöglichkeiten. In der Bretagne nichts Ungewöhnliches.
Und was für eine Bucht!
Wir staunen über die Landschaft. Entlang der Küste liegen bizarre, fast wie Skulpturen geformte Gebilde aus rötlichem Granit.

Der steinige Schutzwall wird bei Flut teilweise überspült. Bei der angesagten Westwindlage hätten wir dann nicht mehr allzu viel Schutz. Zum Glück soll der stärkere Wind erst am nächsten Morgen einsetzen.
Für heute Abend passt also alles.


Natürlich wird der Grill angezündet!
Es gibt eine Schale mit Tomaten, Zwiebeln und Feta, dazu ein schönes Hohrückensteak und Auberginen mit selbstgemachtem Basilikumpesto.
Köstlich!
Später sitzen wir noch draussen und geniessen die klare Nacht unter einem atemberaubenden Sternenhimmel.
Manchmal braucht es wirklich nicht mehr.
Um 6.15 Uhr klingelt der Wecker. Draussen ist es noch dunkel. Wobei „dunkel“ eigentlich eine ziemliche Untertreibung ist.
Es ist schwarz.
Also trinken wir unsere zwei Cafés noch gemütlich im Bett und hoffen, dass sich bis 7.00 Uhr wenigstens ansatzweise erkennen lässt, wo Himmel und Wasser beginnen.
Tatsächlich wird es langsam heller – und los geht’s.


Unser Ziel ist Trébeurden. Dort möchten wir möglichst gegen 12.00 Uhr sein.
Die Hafeneinfahrt hat eine Schwelle. Nach einem Telefongespräch mit der Hafenmeisterin wissen wir: Spätestens um 13.00 Uhr sollten wir mit unseren 1,60 Metern Tiefgang noch genügend Wasser haben.
Die Strecke beträgt gerade einmal 18 Seemeilen. Unter Motor brauchen wir dafür normalerweise etwa dreieinhalb Stunden, unter Segel ungefähr drei.
Eine einfache Rechnung also:
7.00 Uhr Abfahrt Port Blanc, dann müssten wir irgendwo zwischen 10.00 und 10.30 Uhr in Trébeurden sein.
Locker!
Na ja …
Wir haben Westwind, der im Laufe des Vormittags stärker werden soll. Vor allem aber haben wir die Strömung gegen uns.
Also bauen wir genügend Reserve ein.
Zunächst sieht alles wunderbar aus. Der Wind ist schwach, wir motoren, und entgegen den Stromkarten haben wir nur etwa einen Knoten Gegenstrom. Das GPS berechnet eine Ankunft zwischen 10.30 und 11.00 Uhr. Sind wir zu früh aufgestanden?
Perfekt.
Nach ungefähr drei Seemeilen ändert sich die Situation allerdings etwas. Aus einem Knoten Gegenstrom werden plötzlich bis zu vier Knoten!
Das GPS zeigt noch 1,5 Knoten Fahrt über Grund. Neue berechnete Ankunftszeit: zwischen 18.00 und 19.00 Uhr!
Ähm … nein. Jetzt werden wir doch ein kleines bisschen nervös.
Zum Glück wissen wir, dass der Strom zwischen 11.00 und 11.30 Uhr kippen sollte. Und tatsächlich: Gegen 11.30 Uhr ist es so weit. Der Strom dreht und hilft uns endlich.
Neue Ankunftszeit laut GPS: 13.00 Uhr. Na ja. Das könnte gerade noch passen.
Dann kommt auch noch der angekündigte Wind. Er wird stärker und dreht auf Nordwest.
Jetzt aber! Motor aus, Segel hoch – und die Cachana beschleunigt auf sieben Knoten. So gefällt uns das schon deutlich besser.
Um 12.10 Uhr liegen wir fest im Hafen von Trébeurden.


Geht doch!
Nach einem kleinen Snack packen wir beide Rucksäcke und laufen den steilen Hügel hinauf ins Dorfzentrum. Von dort geht es weiter durch den Ort zum etwa 25 Minuten entfernten Intermarché.
Der Kühlschrank braucht schliesslich wieder Material zum Kühlen!
Auf dem Rückweg durchs Dorf entdeckt Chérif natürlich noch eine der drei Bäckereien und kauft sich ein sehr leckeres Brot.
Trébeurden gefällt uns. Ein hübscher Ort mit schönen bretonischen Häusern, herrlichen Sandbuchten und immer wieder diesen eindrücklichen roten Granitfelsen.


Am Mittwoch schlafen wir erst einmal aus!
Zum Mittagessen geniessen wir eine sehr leckere Galette, die bretonische Variante der Crêpe aus Buchweizenmehl. Das Beste: Sie ist traditionell ohne Weizenmehl und damit auch für Susanne eine tolle Option.

Können wir nur empfehlen!
Am Nachmittag machen wir eine wunderschöne, rund dreistündige Wanderung durch die herrliche Natur rund um Trébeurden.





Zurück auf der Cachana werden die nächsten zwei bis drei Tage organisiert.
Wir möchten die berühmte Rosa Granitküste entlangwandern. Am Donnerstagnachmittag wollen wir deshalb mit dem Bus nach Perros-Guirec fahren. Für Donnerstagabend buchen wir dort ein Hotelzimmer, für Freitagabend eines in Trégastel.
Die Cachana bekommt also für zwei Tage frei.
Nach all der Organisation wird es Zeit für etwas wirklich Wichtiges:
Fondue!
Fondue auf der Cachana?
Ja!
In Cherbourg haben wir in einem Käseladen kleine Fondue-Caquelons entdeckt, die mit Kerzen betrieben werden. Im Prinzip das gleiche System wie bei diesen kleinen Raclette-Öfeli.
Wir haben sie angeschaut. Wir haben überlegt. Selbstverständlich konnten wir nicht widerstehen. Zwei Stück mussten mit.
Heute Abend folgt in der Kuchenbude der grosse Praxistest. Das Fondue wird auf dem Herd zubereitet!
Kerzen an, Käse rein und los geht’s.

Was sollen wir sagen?
Es funktioniert! Das Fondue war sehr, sehr lecker.
Damit wäre nun auch eine weitere wichtige Frage des Langfahrtsegelns abschliessend geklärt: Ja, Fondue auf einem Segelboot geht. Und zwar bestens!
Bis zum nächsten Mal.
Herzliche Grüsse
Cachaneros