30.08.26
Heute klingelte ausnahmsweise wieder einmal der Wecker am morgen, nachdem wir die letzten Tage in den Genuss des ungestörten Ausschlafen kamen. Um 8 Uhr hiess es daher raus aus den Federn und bereit machen für die Überfahrt nach Portsmouth. Selbstredend war der erste Punkt der Vorbereitungen der essentielle Morgenkaffee, bei welchem wir von MuP dann erfuhren, dass Portsmouth in weite Ferne gerückt war. Die Bedingungen waren schlicht zu suboptimal, als dass sich der Abstecher in die industrielle Grossstadt gelohnt hätte. Zwar wäre die Überfahrt von Cowes her durchaus machbar gewesen, auch wenn wir nach wie vor gut Wind hatten, jedoch hätten wir dann am darauf folgenden Tag 20 Meilen nach Yarmouth vor uns gehabt. Bevor sich jetzt einige denken, die Crew der Cachana sei doch langsam etwas zart besaitet, müssen wir an dieser Stelle kurz die Ausgangslage klarstellen. Besagte 20 Meilen hätten mit 16 Knoten Grundwind gegen den Wellengang aufgekreuzt werden müssen. Da sich alle an Bord einig waren, dass wir uns kurz vor der Überfahrt nach Frankreich nicht unnötig abmühen müssen, wurde der Plan folglich angepasst. Was ärgerlich klingt, war allerdings überhaupt kein Grund für lange Gesichter. Wie wir euch ja bereits erzählt haben, findet dieses Wochenende ein Speed Boat Race auf der Isle of Wight statt. Und wie es der Zufall wollte, befand sich der Start quasi direkt vor unserer schwimmende Haustüre.

Also machten wir uns kurzerhand auf ins Städtlein und konnten gemütlich dem beträchtlichen Menschenstrom folgen, der offenkundig das selbe Ziel hatte wie wir. Nach einem kurzen Spaziergang hatten wir unseren Platz auserkoren, von dem aus wir beste Sicht auf die Startgerade hatten. Einige Minuten gespannten Wartens verstrichen, bis ein donnernder Kanonenschuss die Stille zerriss und das Rennen offiziell eröffnete.


Mit brüllenden Motoren jagte das erste Feld der über jegliche Grenzen der Vernunft hinausgehend hochgezüchteten Rennbote über die Startlinie auf ihrem 100 Meilenrennen Richtung Poole. Einige würden das donnern der Motoren als überflüssige Lärmbelästigung abtun, andere bekamen bei den wundervollen Klängen Gänsehaut. Kurz darauf startete noch ein zweites Feld von Wettkämpfern, dieses mal jedoch in etwas “kleineren” Booten. Nach dem sich die letzten imposanten Wasserfontänen gesenkt hatten, machten wir uns auf den Rückweg zur Cachana. Unterwegs nutzten wir die Gunst der Stunde und kauften noch ein paar Lebensmittel ein. Zurück im Hafen gingen Nadine und Sam noch kurz duschen und MuP machte das Schiff ablegebereit, denn um 12 Uhr mussten wir auslaufen. Unser neues Tagesziel hiess Newtown River, ein Flussdelta etwa 5 Meilen südlich von Cowes. Also hiess es raus aus dem Hafen und Segel setzen. Mit 20 Knoten Grund kreuzten wir mehr oder weniger hart am Wind auf. Der Seegang und Wind führten dazu, dass Teile der Crew heute zwei mal geduscht wurden, was der Freude allerdings nichts anhaben konnte.


Wir machten gut Fahrt und kamen bald in der Flussmündung an. Die Einfahrt war aufgrund der Untiefen nicht ganz unanspruchsvoll und so war die ganze Crew hochkonzentriert bei der Sache. Da wir nicht die einzigen vor Ort waren, mussten wir noch etwas Fluss aufwärts durch das seichte Gewässer navigieren, ehe wir unsere Boje für die Nacht erreichten. Nach einem gelungenen Anlegemanöver war es Zeit für, wie könnte es auch anders sein, einen Ankunftsdrink. Wir liessen die neue Umgebung auf uns wirken, welche sich durch die Absenz von Beton und den Klängen verschiedenster Wildtiere deutlich von den bisher angesteuerten Häfen unterschied. Wunderschön hier!

Die Unberührtheit der Umgebung weckten sogleich den Erkundungstrieb von Nadine, worauf Chérif und Sam sogleich das Dingi einsatzbereit machten. Nach kurzer Instruktion und mahnenden Worten bezüglich des immer tiefer sinkenden Wasserstandes machte sich die Jungmannschaft auf ins unbekannte Territorium.

Nach zehnminütiger Fahrt gegen den starken Gezeitenstrom legten Nadine und Sam erfolgreich aber wohl halblegal an einem Pier, von dem sie ausgingen, dass dieser nicht trocken liegen würde, an. Nach einem Spaziergang entlang des Flusses und über eine weitläufige Kuhweide, von welcher sich hinsichtlich Biodiversität so mancher Schweizer Bauer eine Scheibe abschneiden könnte, kamen sie leicht nervös wieder beim Pier an. Ob das Dingi wohl noch im Wasser liegt?


Glück gehabt. Zwar spannte sich die Landleine schon ordentlich und der Spitz des kleinen Gummibootes ragte bereits aus dem Wasser, ablegen konnten sie dennoch ohne nasse Füsse zu kriegen. Sam nahm sich an dieser Stelle vor, öfters auf sein Bauchgefühl und etwas weniger oft auf Nadines unerschütterlichen Optimismus zu vertrauen. Nadine ihrerseits fühlte sich auf ein neues bestärkt in ihrer Urgelassenheit, weil wir und das Dingi unbeschadet zurück zur Cachana gelangten. Dort angekommen versuchte Nadine ihr Glück im Fischen, Sam schrieb am Blog, Chérif mühte sich mit bürokratischen Stolpersteinen für unsere Einreise nach Frankreich ab und Susanne brachte das Schiff auf Vordermann, hielt die Szenerie fotografisch fest und leistete Chérif moralischen Support, da dieser langsam aber sicher die Nerven verlor. Bevor das iPad in hohem Bogen von Bord flog, übernahm Nadine die elektronische Bearbeitung des Einklarierens. Gerade als diese Herkulesaufgabe bewältigt war, erspähte Nadine aus dem Augenwinkel eine grosse graue Silhouette, die sich aus dem Wasser erhob. Einen aufgeregten Aufschrei später erblickten wir zu unser aller Verzücken einen stattlichen Seehund nur wenige Meter von unserem Schiff entfernt.

Dieser sonnte genüsslich für einige Minuten sein Gesicht, beobachtete uns dabei neugierig und tauchte dann mit einem tiefen Atemzug wieder in das grünblaue Wasser ab. Wahrscheinlich um sich auf die Jagt nach den Fischen zu machen, welche bei Nadine nicht anbeissen wollten. Dieses Gedankenspiel brachte uns zum Thema Abendessen und es wurde entschieden, dass wir die Abgeschiedenheit unseres Platzes nutzen würden, um den Grill einzuheizen. So machten sich alle an die Arbeit und es wurde fleissig geschält, gerüstet und vorbereitet. Als Chérif schon beinahe die Kohle in den Grill befördern wollte, schweifte sein Blick glücklicherweise für einen kurzen Moment in die schöne Landschaft hinaus. Glück im Unglück, denn die Landschaft war nach wie vor eine Augenweide.


Nicht so allerdings die graue Wand, die sich in rasantem Tempo auf uns zubewegte. Nachdem die ganze Besatzung sich beim Anblick der Unwetterfront einig war, dass der Grillabend wohl für unbestimmte Zeit verschoben werden müsse, war Eile angesagt. Zeitgleich wie Chérif damit begann, den Grill wieder zu verstauen, setzte sintflutartiger Niederschlag ein, begleitet von stürmischen Böen der Stärke 33. Mit vereinten Kräften wurde der Grill verstaut, das Dingi von Backbord ans Heck verlegt und die Küchenbude (das Verdeckt am Heck des Schiffes) eiligst wieder verschlossen. Da der Aussenborder unseres Beibootes im Sturm unglücklicherweise zur Hälfte unter Wasser gedrückt wurde, musste dieser in grösster Hast noch demontiert und in Sicherheit geschafft werden. In der Hitze des Gefechts übernahm Susanne diese Aufgabe. Ohne lange zu Zögern entschied sie sich, dass der beste Regenschutz die nackte Haut sei, zog sich bis auf die Unterhosen aus und tat, was getan werden musste. Wenn man so darüber nachdenkt eigentlich logisch, denn es mussten schlussendlich nur ein paar Unterhosen zum trocknen aufgehängt werden. Kurzerhand wurde die Menüplanung der Witterung angepasst und wir genossen dennoch ein abermals leckeres Nachtessen. Gegen die Natur kann man sich nicht stemmen, nur anpassen.
Ein neuer Tag beginnt. Nicht gänzlich erholt traf sich die Crew der Cachana heute zum Morgenkaffee, denn es war eine unruhige Nacht. Vom abrupten Ende unseres Grillversuches bis in die frühen Morgenstunden zogen heftige Böen über uns und die Tatsache, dass wir bei Niedrigwasser gerade noch 30cm Wasser unter dem Kiel hatten halfen nicht, um wirklich entspannt Schafe zählen zu können. Wir vertrieben die restliche Morgenmüdigkeit mit Aufräumen, Blog schreiben, Routenplanung und Lesen. Um ganz sicher zu gehen, dass auch wirklich alle geistig sowie körperlich bei der Sache waren, wurde noch eine Badesession ausgerufen. Also raus aus den Klamotten und rein ins erfrischende Nass.

Ganz nach dem Vorbild eines Biathlons gebot der nächste Programmpunkt Laufen. Da dies auf einem Schiff grundsätzlich schwer zu bewerkstelligen ist, wurde das Dingi startklar gemacht und kurz darauf legten wir an Land an. Dort angekommen spazierten wir durch farbenfrohe Marschlandschaften und waren abermals vom starken Kontrast zwischen Niedrig- und Hochwasser begeistert. Wir schlenderten über Wiesen und durch Heckenlandschaften und erkundeten unterwegs noch den überschaubaren Ort Newtown, welcher seinen Namen wohl in einer längst vergangenen Zeit verdient haben musste.



So kamen wir alsbald wieder bei unserem Beiboot an. Zurück auf der Cachana wurde das Dingi in Rekordzeit verstaut und wir machten uns bereit zum Ablegen. Unter Segel verliessen wir das Flussdelta und es ging los Richtung Yarmouth. Die fünf Seemeilen legten wir dank viel Wind und Mitstrom in Windeseile zurück und legten so wenig später gekonnt im Hafen an. Vier Rumcolas und zwei Schalen voller Maissnacks später, die einzig Wahren aus Ägypten, machten wir uns auf den Weg in den charmanten Ort, um unseren Proviant für die nächsten Tage aufzufüllen. Nachdem der Pflichtteil erledigt war, flanierten wir noch eine Weil durch den beschaulichen aber sehr touristisch Dorfkern von Yarmouth und passierten dabei diverse Pubs. Susanne hatte einen Geistesblitz, den sie sogleich mit der Gruppe teilte und uns darüber aufklärte, dass es offenkundig unumgänglich sei, den letzten Abend in Grossbritannien mit einem Getränk der Wahl im Pub zu ehren. Da wir schliesslich keine Kulturbanausen sind und den lokalen Gepflogenheiten Sorge tragen möchten, stimmten wir postwendend ein. Nach dem ein passendes Etablissement auserkoren war, übernahmen Nadine und Sam die Bestellung an der Bar. Ob es ihrem ausgereiften Sinn für preiswerte Angebote oder doch dem Verkaufstalent der Barfrau geschuldet war, dass die beiden am Ende mit einer viel zu grossen Menge Weisswein zurück in den Aussenbereich des Pubs liefen, wird wohl nie vollständig aufgeklärt werden können. Zufrieden mit unserem kulturellen Feingespür und dem geschlagenen Schnäppchen begaben wir uns zurück zur Cachana, wo wir den Einkauf verstauten und uns der Vorbereitung des Abendessens widmeten. Dank äusserst effizienter Arbeitsaufteilung genossen wir bald ein leckeres Mal und brachten uns heute etwas früher als gewohnt in horizontale Lage, da der Wecker uns morgen um fünf Uhr für unsere Überfahrt nach Frankreich wecken wird. Gute Nacht!
Schock! Der Wecker klingelt um 05:15 Uhr. Was wie ein übler Scherz klingt war bittere Realität, hatte aber einen guten Grund. Heute stand unser 70 Meilen Turn mit dem Ziel Cherbourg an. Mit zwei Kaffees intus machten wir uns an die Vorbereitungen zum Ablegemanöver.

Kurze Zeit später waren wir auf dem Weg Richtung Frankreich. Anfänglich hatten wir gut Wind und verliessen den Solent mit strammen 6 Knoten unter Segel. Leider bewahrheitete sich die Wetterprognose für den Vormittag und kurz darauf mussten wir den Bordmotor höflich um seine Unterstützung bitten. Mit seiner Hilfe überbrückten wir die Flaute inklusive Gegenstrom und konnten zu unser aller Freude nach ein paar Stunden wieder unter Segel gegen Cherbourg düsen.

Sam nutzte die Gunst der Stunde und machte einen “kurzen” Powernap und kam nach zwei Stündlein wieder an Deck. Genau zur rechten Zeit, denn kurz nach dem Erwachen aus seinem Dornröschenschlaf erspähte Susanne direkt neben uns eine Delfinschule, die sich auf der Jagd befand. Super toll, Delfine: Check!

Die Reise fühlte sich kurzweilig an und schon bald liess sich la belle France am Horizont erahnen. Ein paar Meilen später liefen wir im Hafen von Cherbourg ein und dieses Mal hatte Sam die Ehre, die Cachana sanft in ihren Anlegeplatz zu manövrieren. Wer uns kennt weiss, was als nächstes kam. Anschliessend musste das bei allen aufkommende Hungergefühl bekämpft werden und wir genossen ein gemütliches und nach dieser langen Reise wohlverdiente Abendessen. Bon soir a tous!