Hochgeschwindigkeitsegeln & Abschiedsritus

02.09.26

Nach unserer zwölfstündigen Überfahrt haben wir uns alle den Luxus des Ausschlafens verdient und so starteten wir heute gemütlich in den Tag. Wie üblich wurde ausgiebig auf die Nespressomaschine zurückgegriffen, gelesen, sich über Cherbourg und das allgemeine Geschehen in der Welt informiert und das Tagesprogramm definiert. Chérif informierte uns gestern nach seinem obligaten Besuch beim Hafenmeisterbüro darüber, dass die Sanitäranlagen durchaus einen Besuch wert seien. Vielleicht fand er auch einfach, dass wir langsam mal wieder eine Dusche vertragen könnten. Wie dem auch sei, wir entschlossen uns, seiner Empfehlung zu folgen und kamen kurze Zeit später frühlingsfrisch retour aufs Schiff. Da MuP sich unsere Schwärmerei von der wohl besten Dusche Frankreichs nicht länger anhören wollte, taten sie es uns kurz darauf gleich. Da anschliessend alle langsam knurrende Mägen hatten, galt unsere Aufmerksamkeit als nächstes dem Essen. MuP verwöhnte uns mit exquisitem schottischem Lachs und Lachsforelle, welche wir auf knusprig angetoastetem Brot mit reichlich frischen Zwiebeln und Kapern verspeisten. Echt lecker war das! Satt und zufrieden machten wir uns bereit für unseren ersten Landgang in Cherbourg. Auf unserem Weg in die Stadt kamen wir an einem imposanten Napoleondenkmal vorbei, welche die Körpergrösse des bekanntlich kleinen Mannes wohl nicht ganz akkurat abbildete. Wir flanierten ein paar Stunden durch die Gassen und Strassen des alten Stadtzentrums und schauten dabei in diverse Geschäfte hinein.

Leider wurde Cherbourg im 2. Weltkrieg arg in Mitleidenschaft gezogen, sodass vom einst historischen Zentrum nicht mehr viel in ursprünglichem Zustand vorhanden ist. Da man sich beim Wiederaufbau jedoch Mühe gegeben hat, die alte Bauweise nachzubilden, macht es dennoch einen durchaus netten Eindruck. Nach einem lokalen Erfrischungsgetränk ging es noch in den ortsansässigen gigantischen Carefour. Zurück auf der Cachana waren Nadine und Sam der Meinung, dass Fortuna heute sicherlich auf ihrer Seite sein würde und forderten MuP zu einer neuerlichen Runde Jassen heraus. Schnell stellte sich heraus, das auch heute weder göttlicher Beistand noch das Kartenglück auf ihrer Seite war und so verloren sie abermals. MuP freute sich über ihren Sieg und wir auf das nun anstehende Abendessen, denn heute stand Raclette und Fisch auf dem Speiseplan. Zuerst durften Nadine und Sam aber noch die Segelroute für den Törn nach St.Vaast planen. Eine super Gelegenheit, um unsere eigenen Seemann*innenfähigkeiten zu schulen. Emsig machten sie sich ans Werk und nach sorgfältiger Planung war die Route gemacht, die Tiden beurteilt und die Wetterprognose verinnerlicht. Eine halbe Stunde vorbildliche Teamarbeit später war dann auch das Abendessen vorbereitet.

Wir schlugen uns die Bäuche mit Käse, Fisch und allem was das Herz begehrt voll. Als wüssten wir es nicht besser, überass sich ein grosser Teil der Crew und als wir mit beinahe platzenden Bäuchen endlich in unsere Betten vielen, lag Mitternacht bereits hinter uns. Aber das gehört halt auch ein bisschen zu Raclette dazu!

Bon matin! Heute mit Wecker und zwar um 8 Uhr, denn um 9 Uhr wollen wir auslaufen. Natürlich auch mit Kaffee, allerdings nicht ganz so zeitlich unbekümmert wie gestern, denn die Cachana und ihre Crew mussten noch bereit zum Ablegen gemacht werden. Da der Wetterbericht recht behalten und der heutige Tag mit Regen gestartet hat, mussten wir uns wetterfest einpacken. Also ab in die Segelkombis und los ging es mit den knapp 30 Meilen nach St.Vaast.

Der Regen ging bald in Niesel über und die Sicht, anfänglich von Nebel geprägt, klarte zunehmend auf. Anfänglich noch mit Unterstützung des Motors weil der Wind wohl auch noch etwas verschlafen war, konnten wir bald mit 16 Knoten Raumwind der Küsten entlang segeln. Mit der Tide auf unsere Seite machten wir teilweise fast 10 Knoten über Grund und kamen unserem Ziel so rasch näher.

Den letzten Drittel der Reise hart am Wind segelnd kamen wir wesentlich früher in St.Vaast an als angenommen. Nadine und Sam haben wohl eher etwas pessimistisch gerechnet, waren aber froh, dass der Strom wider Erwarten erst kippte, als wir bereits fast im Hafen ankamen. Nachdem wir angelegt hatten, wurde mit einem feinen Aperogetränk auf den schönen Segeltag angestossen. Nadine und Sam hatten ihre Lektion wohl immer noch nicht gelernt und knallten erneut die Jasskarten auf den Tisch. Gerne würden wir an dieser Stelle von unserem triumphalen Sieg schreiben, sind uns aber bewusst, dass unsere Leserschaft eins und eins zusammenzählen kann. Dezent niedergeschlagen beziehungsweise im Ruhm des Sieges schwelgend machten wir uns anschliessend auf, um St.Vaast zu entdecken. Das Dorf hat durch seine nähe zum Hafen und den zahlreichen Fischern einen charmanten maritimen Charakter.

Der Grossteil der Gebäude ist mit Sichtmauerwerk gebaut und erinnert im Entferntesten an Tessiner Rusticos, was dem Ort etwas Altertümliches verleiht. Die Kirche in der Dorfmitte scheint für die wahrscheinlich überschaubare Einwohnerzahl etwas gar gross geraten zu sein. Gut möglich, dass diese noch aus einer Zeit stammt, in der St.Vaast ein blühendes Handels- und Fischereizentrum war. Heute scheint der Ort aber vor allem vom Tourismus und von Rentner*innen, welche hier ihren Lebensabend geniessen, genutzt zu werden. Wer schon mit MuP in die Ferien verreisen durfte weiss, dass wir die Kirche natürlich auch von innen bestaunt haben. Anschliessend flanierten wir noch etwas durch die Strassen und schauten in einige Geschäfte hinein.

Eine der zahlreich umherschleichenden älteren Damen nutzte dann die Gunst der Stunde und verwickelte MuP in ein Gespräch, dass augenscheinlich kein Ende mehr nehmen wollte. Nadine und Sam versuchten noch, ihnen einen Rettungsring zuzuwerfen, welchen MuP aber platschend fallen lies und machten sich dann auf den Weg zurück aufs Schiff. Nach einem kurzen Powernap bemerkten wir erleichtert, dass auch Susanne und Chérif es doch noch zurück auf die Cachana geschafft hatten und machten uns daran, den heutigen Tag für euch niederzuschreiben. Wir ruhten uns alle noch etwas aus und gingen duschen, ehe wir uns für unser leckeres Abschiedsessen im Lokal unserer Wahl in Schale warfen. Nadine und Sam haben natürlich bereits vorgängig ein vielversprechendes Restaurant ausfindig gemacht. Folglich wussten wir auch den Fussweg zum lokal unserer Wahl, was aber auch keine grosse Herausforderung war, da dieses direkt am Hafen situiert war. Da Niedrigwasser kurz bevorstand, war das Gezeitentor an der Einfahrt des Hafens mittlerweile geschlossen und fungierte für diesen Zeitraum als Fussgängerbrücke. Für uns eine praktische Abkürzung und für den Hafen eine Unerlässlichkeit bei einem Tidenunterschied von fast 3.5 Meter!

Kurze Zeit später kamen wir im Restaurant an und wurden sehr höflich in Empfang genommen. Es stellte sich bald heraus, dass unsere Bedienung nicht nur kulinarisch sehr bewandert war, sondern per Zufall fliessend Deutsch sprechen konnte. Für die meisten von uns eine willkommene Hilfe, war die Speisekarte vor uns doch voller unbekannten französischen Beschreibungen. Ganz nebenbei hat sich die gute Frau das in gerademal 6 Monaten Austauschstudium in Berlin beigebracht! Eine schallende Ohrfeige für unser holpriges Schulfranzösisch, welches doch ein paar Jahre länger durchgekaut wurde. Rasch war klar, dass unsere Wahl auf das Vier- beziehungsweise Sechsgangmenu fallen würde. MuP befasste sich derweil mit der Weinkarte und so konnten wir schon bald bestellen. Die Vorfreude war riesig. Ebenso unser Appetit, hatten wir doch in weiser Voraussicht heute extra wenig gegessen. Schon nach dem ersten Gang war klar, hier hatten wir einen Volltreffer gelandet.

Alle Gänge bestachen durch ausgefallene Kombinationen, welche in sich jedesmal ein stimmiges Gesamtbild ergaben. So schlemmten wir uns bis zum Dessert durch und genossen einen tollen letzten Abend zusammen.

Bei der Jungmannschaft klingelte heute abermals der Wecker, denn sie mussten schliesslich ihre mehr oder weniger weiträumig verstreuten Besitztümer für die Abreise einpacken. Selbstverständlich lies sich das auch hervorragend mit diversen Kaffees vereinbaren. Angetrieben durch bedenklich hohe Mengen an Koffein waren sie in windeseile fertig mit ihrer Version von “ich packe in meinen Rucksack…” und waren bereit für das weitere Tagesprogramm. Da Nadine und Sam ihre Weiterreise nach Paris erst kurz nach 16 Uhr antreten mussten, reichte die Zeit noch für einen letzten Ausflug an Land. So liefen wir alle zusammen zur Bushaltestelle und warteten, bis wir die Verbindung nach Barfleure besteigen konnten. Eine Viertelstunde später stiegen wir in dem hübschen Küstendorf aus und erkundeten dieses bei wechselhaftem Wetter zu Fuss.

Erster Stopp, drei mal dürft ihr raten, war natürlich die zugegebenermassen hübsche Kirche. Weiter ging es durch verwinkelte Gassen entlang schmucker Häuser, die aneinandergereiht ein etwas mittelalterliches Flair versprühten. Verwöhnt vom gestrigen Festmal, knurrten bald schon wieder unsere Mägen. Das von Google Maps empfohlene Restaurant hatte zum Glück noch Platz, jedoch nur im Freien. Was zunächst als unproblematisch abgetan wurde, entpuppte sich zunehmend als nasse Angelegenheit.

Das Wetter, anfangs freundlich sonnig, schlug zuerst in Nieselregen und schlussendlich in ausgewachsenen Niederschlag um. Wir liessen uns davon jedoch in keinsterweise iritieren und genossen unser leckeres Mittagessen unter den anerkennenden Blicken der nicht so wetterfesten Touristen um uns herum.

Schon bald ging es mit dem Bus zurück nach St.Vaast auf die Cachana, wo wir uns noch kurz ausruhten, letzte Reisevorbereitungen trafen und mit MuP einen letzten Abschiedstrunk zu uns nahmen. Der Moment des Abschieds rückte unerbitterlich näher und so begleiteten uns Susanne und Chérif noch zur Bushaltestelle. Für einen ausgedehnten sentimentalen Abschied fehlte die Zeit, da der Bus kurz darauf vorfuhr. Natürlich wurden dennoch ein paar Tränen vergossen, hätten wir doch alle gerne noch ein paar Tage mehr zusammen verbracht. Eigentlich wäre hier der Blog somit beendet. Allerdings möchten wir euch nicht vorenthalten, dass Nadine sich bei der Abfahrtszeit unseres Zuges nach Paris dezent zu unsere Ungunsten geirrt hatte. In Kombination mit der verspäteten Ankunft unseres Buses am Bahnhof war es schlussendlich eine Punktlandung in letzter Minute. Sam bekam diese Information glücklicherweise erst auf dem Bahnsteig, was sicherlich förderlich für sein Wohlbefinden war. Nadine konnte ihrerseits einen weiteren Grosserfolg als Reiseleiterin verbuchen und war vollends zufrieden mit der Situation. Ob und wann wir in Paris angekommen sind, nun das müsst ihr uns bei Gelegenheit selbst mal fragen. Zu guter Letzt möchten wir uns ganz herzlich bei Susanne und Chérif für die tolle gemeinsame Zeit bedanken. Es war megasupertoll mit euch und wir kommen bestimmt wieder 😉

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